Gedenkstätten auf dem Meeresgrund: Das Neptune Memorial Reef, Miami, Florida/USA

Dieser Beitrag könnte Sie
möglicherweise ebenfalls interessieren :

Cimetière des Chiens

Der »Friedhof für Hunde und andere Haustiere« (»Cimetière des chiens et autres animaux domestiques«): Einer der ältesten Tierfriedhöfe der Welt

Neptune Memorial Reef, Miami, Florida/USA
Auf geht’s zur weltweit ersten stetig wachsenden Toten-Gedenkstätte auf dem Meeresgrund…

…ein letzter Blick auf die stetig kleiner werdende Skyline von Miami…

Die weltweit erste stetig wachsende Toten-Gedenkstätte auf dem Meeresgrund
Im folgenden geht es der Reihe nach um:

1) Wie muss man sich das Bestattungskonzept vorstellen?
2) Wie läuft eine Beisetzungszeremonie am Neptune Memorial Reef ab? Ein fiktives Beispiel
3) Die Gedenkorte im Einzelnen

So verläuft die Anreise: das Neptune Memorial Reef ist nur per Charter- oder Privatboot zu erreichen

Alle, die bereits ihren letzten Tauchgang hierhin unternommen haben, erwarten euch:

die Geländerkonstruktion zur zentralen Plaza von Atlantis

1) Wie muss man sich das Bestattungskonzept vorstellen?

2007 wurde hier – nach der Inspiration der Mythen Platons – ein Atlantis geschaffen, eine sagenumwobene »Lost City«, und zwar in mehrfacher Hinsicht:
von Menschenhand wurde einerseits der Grundstein für eine neue »natürliche« Umgebung der Unterwasserstadt gelegt: Das Neptune Memorial Reef wurde rund fünf Kilometer vor der Küste Miamis als das größte künstliche Korallenriff der Welt geplant. Die angesiedelten riffbildenden Steinkorallen sowie die Artenvielfalt der Rifflandschaft wachsen seither kontinuierlich.

Anderseits wurde mit der künstlichen Rifflandschaft auch ein Atlantis, eine sagenumwobene, versunkene Stadt, geplant: Eine Unterwasserstadt, die weltweit erste stetig wachsende Toten-Gedenkstätte auf dem Meeresgrund (ca. 12 Meter unter dem Meeresspiegel), in der langfristig Beisetzungen geplant sind.

Gesamteindruck der zentralen Mittelkonstruktion: hier befinden sich die folgenden zwei Kategorien des Ruhestätten-Konzepts:

(1.) »Premium« Lage: die innere Säule der Mittelkonstruktion sowie der Baldachin über der Mittelkonstruktion; (2.) »Exklusive« Lage: die äußeren Säulen der Mittelkonstruktion Die Unterwasser-Gedenkstätte ist für eine erweiterbare Kapazität von weit mehr als 100.000 eingeäscherten Verstorbenen ausgelegt. Sie ist vor allem für Menschen interessant, die zu

Lebzeiten dem (Atlantischen) Ozean nahe standen bzw. für Angehörige, die seetauglich und taucherfahren sind, da die Gedenkstätten und die optionale Trauerfeier auf dem Boot nur per Privat- oder Charterboot und als Geräte- oder Freitaucher zugänglich sind.

Den Einwohnern Miamis ist das Neptune Memorial Reef fast ausnahmslos ein Begriff, viele fühlen sich darüber hinaus eng verbunden.

Die zentrale Plaza von Atlantis: alle Symmetrie bezieht sich auf diese zentrale Säulen-Baldachin-Konstruktion

Die auf dem Meeresboden liegende Totenstadt erinnert in ihrer Symmetrie an einen französischen Barockgarten: alle Strassen und Terrassen laufen symmetrisch auf eine zentrale Mittelkonstruktion zu, die von Toren, künstlerisch gestalteten Säulenlandschaften, einem Wächterlöwen und Bänken flankiert wird.

Der abschließende Zierteller der zentralen Mittelkonstruktion wurde von Hurrikan Irma im Spätsommer/Herbst 2017 weggerissen; »Premium« Lage: die innere Säule der Mittelkonstruktion

Die sternförmig auf die Mittelkonstruktion zulaufenden Strassen ermöglichen allen Tauchern gleichermaßen den Zugang zu den einzelnen Gedenkorten: professionellen Tauchern, die die Anlage pflegen und die Gedenkstätten verankern, und sie beispielsweise auch nach einem Hurrikan wieder aufbauen; Angehörigen, Gedenkstätten-Besuchern sowie Hobbytauchern.

Die Messingpforten zur zentralen Plaza: Hurrikan Irma hat sie im Spätsommer/Herbst 2017 aus den Angeln gehoben

»Standard« Lage: symmetrisch im Verhältnis zur zentralen Plaza angelegte Säulen

Die eingeäscherten sterblichen Überreste werden mit Zement vermischt und beispielsweise zu Einzelgedenkstätten in Seesternform gegossen oder als Asche-Zementzylinder in die ausgehöhlten Säulen eingesetzt, an denen optional eine Plakette aus Kupfer/Bronzelegierung angebracht wird, die an Namen, Lebensdaten und eventuell noch an eine Eigenschaft oder den Beruf des Verstorbenen, erinnert.

»Exklusive« Lage: ein nicht weiter verziertes Kapitell; »Standard« Lage: beide Säulen im Bild

Genau genommen handelt es sich also um eine Unterwasser-Gedenkstätte, bei der Namensplaketten an die im Zement verteilte Asche der Verstorbenen erinnern.

Diese Art der Ascheverteilung im Zement erinnert am ehesten an andere Naturbestattungen, wie beispielsweise die Almwiesenbestattung oder das freie Verteilen der Asche vom Flugzeug aus über einer bestimmten Landschaft.

Die offizielle Bezeichnung »Neptune Memorial Reef« wurde also mit Bedacht gewählt, auch wenn das Riff umgangssprachlich in beinahe allen Quellen als »Unterwasserfriedhof« bezeichnet wird, obwohl es die Kriterien eines Friedhofs nicht ganz erfüllt.

»Exklusive« Lage: ein nicht weiter verziertes Kapitell; »Standard« Lage: letzte Ruhestätte in der im Inneren ausgehöhlten Säule

Nach einem langen Zulassungsmarathon, wurde das Memorial Reef schließlich 2007 von einer

Reihe von Umweltbehörden zugelassen. Eine der Auflagen war, dass das Riff auch einem möglichen Hurrikan der Kategorie 5 trotzen kann (Windgeschwindigkeiten von mindestens 250 Stundenkilometern, die höchste Hurrikan-Stufe, in der Häuser weggerissen werden können und in Küstenregionen zumeist umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen nötig sind).

»Standard« Lage: Säulenlage mit Messingplakette

Hurrikan Irma war im Spätsommer/Herbst 2017 der letzte Hurrikan der Kategorie 5 in dieser Region; innerhalb der letzten 100 Jahre gab es insgesamt noch vier weitere Hurrikane, die die Vereinigten Staaten mit einer vergleichbaren Intensität getroffen haben.

Viele der Bilder dokumentieren die noch sichtbaren Spuren von Hurrikan Irma, wie beispielsweise die aus den Angeln gehobenen Eingangspforten oder der weggerissene Zierteller in der zentralen Mittelkonstruktion; die Ruhestätten selbst hingegen, blieben – ganz gemäß den ursprünglichen Zulassungsauflagen – von dem Sturmmonster unberührt.

»Standard« Lage: Bank (»Lebensraum für Fische«)

Das Memorial Reef ist ein geschützter Ort, an dem umweltfreundliche Aktivitäten wie Segeln und Tauchen gefördert werden, Fischfang ist hingegen nicht erlaubt.

»Standard« Lage: Bank (»Lebensraum für Fische«)

Die Neptune Society, die u.a. Beisetzungen im Riff vermarktet, ist Mitglied des Green Burial Council (frei übersetzt: Bestattungsrat für Beisetzungen im Einklang mit der Natur). Die Riff-Bestattung zählt zu den emissionsarmen, in den USA sehr im Trend liegenden »grünen« Bestattungsformen, auch wenn auf die tatsächliche Emission nicht weiter eingegangen wird, die die Feuerbestattung und der Bau der vom Atlantis-Mythos inspirierten Unterwasserstadt zuvor verursacht haben.

Gesamteindruck von mehreren »Exklusiven« Lagen: individuell aus einem Asche-Zementgemisch geformte Einzelgedenkstätten in Seestern-, Muschel- oder Seeigelform…

2) Wie läuft eine Beisetzungszeremonie am »Neptune Memorial Reef« ab? Ein fiktives Beispiel

Von der Anlegestelle des gecharterten Tauchboots bis zum Neptune Memorial Reef sind es rund 40 Minuten, die unsere fiktive Beispielfamilie für eine informelle Gedenkfeier nutzt, bevor sie den Asche-Zementzylinder ihrer nächsten Angehörigen an eine der reservierten Beisetzungssäulen übergeben wird.

Die Trauerzeremonie ist ausschließlich der freien Vorstellungskraft der Hinterbliebenen unterworfen: im Neoprenanzug verliest jedes Familienmitglied reihum selbstgeschriebene Worte im Gedenken an die Verstorbene. Später wird eine der Angehörigen einen selbstgeschriebenen Chanson vortragen.

Bisher war Tauchen für alle Anwesenden eine Freizeitaktivität, jetzt ist es die einzige Möglichkeit, der Beisetzungszeremonie beizuwohnen.

Mike Ladin
A captain in the air & out at sea
Mar 16th 1919 Mar 28th 2009

»Exklusive« Lage (individuelle Einzellage): individuell aus einem Asche-Zementgemisch gegossene Einzelform

Es ist dem Tauchen zueigen, dass es viele meditative Momente enthält: als Gast in einer Welt,

die Menschen nicht ohne Weiteres zugänglich ist, ist man per se an einem Ort, an dem man nicht reden muss und Eindrücke auf sich wirken lassen kann. Es ist ein Ort der inneren Einkehr und auf Wunsch auch ein Ort der Wiederkehr.

Auch wenn die Gedenkstätte am Meeresgrund vollkommen pflegefrei ist: Interviews nach den ersten 30 Beisetzungen haben gezeigt, dass diejenigen, die sich für diese Art der Beisetzung entschieden haben, die Gedenkstätte auch regelmäßig besuchen; mindestens zu Jahrestagen versammeln sich die Angehörigen auf dem Meeresgrund.

Die gleichen Hinterbliebenen gaben zudem an, dass sie einen Friedhof nicht oder nicht so oft besuchen würden (obwohl ein Friedhofsbesuch in den aller meisten Fällen mit wesentlich weniger Vorbereitung und Aufwand verbunden wäre).

»Exklusive« Lage: individuell aus einem Asche-Zementgemisch gegossener Seestern

Professionelle Taucher bereiten indes die von der Familie gewählte Beisetzungsstelle in einer der Säulen vor: hierfür wird der obere Teil der Säule, die Kapitelle abgenommen.

In den entstandenen freien Zugriff auf die ausgehöhlte Säule werden die Hinterbliebenen später eigenhändig den Asche-Zementzylinder (in etwa einer Urne nachempfunden) der verstorbenen Angehörigen einsetzen.

Der in jeder Beisetzungszeremonie bewegende »Erde-zu-Erde, Asche-zu-Asche, Staub-zu-Staub«-Moment, in dem der Asche-Zementzylinder in die Säule eingelassen wird, dauert rund 30 Minuten auf 12 Meter unter dem Meeresspiegel, danach ist es für die meisten Hinterbliebenen Zeit, loszulassen und wieder aufzutauchen – je nach Taucherfahrung, Alter und mitgenommenem Luftvorrat.

Ryan Patrick Mason
Advanced & Rescue diver
Oct 13. 1988 – Sept 26, 2016

»Exklusive« Lage (individuelle Einzellage): individuell aus einem Asche-Zementgemisch gegossener Seestern

Die Einlassstelle wird nach der Zeremonie wieder professionell verschlossen. Später wird auf Wunsch eine Messingplakette angebracht, die an die verstorbene Person namentlich erinnert.

Nachdem sich die Teilnehmer an der Abschiedszeremonie wieder im Boot eingefunden haben, wird die Zeremonie mit einer letzten roten Rose, die jedes Familienmitglied dem Ozean übergibt, abgeschlossen.

Mike Ladin
A captain in the air & out at sea
Mar 16th 1919 Mar 28th 2009

»Exklusive« Lage (individuelle Einzellage): individuell aus einem Asche-Zementgemisch gegossene Einzelform

Es ist dem Tauchen zueigen, dass es viele meditative Momente enthält: als Gast in einer Welt,

die Menschen nicht ohne Weiteres zugänglich ist, ist man per se an einem Ort, an dem man nicht reden muss und Eindrücke auf sich wirken lassen kann. Es ist ein Ort der inneren Einkehr und auf Wunsch auch ein Ort der Wiederkehr.

Auch wenn die Gedenkstätte am Meeresgrund vollkommen pflegefrei ist: Interviews nach den ersten 30 Beisetzungen haben gezeigt, dass diejenigen, die sich für diese Art der Beisetzung entschieden haben, die Gedenkstätte auch regelmäßig besuchen; mindestens zu Jahrestagen versammeln sich die Angehörigen auf dem Meeresgrund.

Die gleichen Hinterbliebenen gaben zudem an, dass sie einen Friedhof nicht oder nicht so oft besuchen würden (obwohl ein Friedhofsbesuch in den aller meisten Fällen mit wesentlich weniger Vorbereitung und Aufwand verbunden wäre).

Carolyn A. Dekle
At the edge of the world you are!
Dec 7, 1954 Nov 25, 2010

»Exklusive« Lage (individuelle Einzellage): individuell aus einem Asche-Zementgemisch gegossener Seeigel

Die Asche wird für immer im Zement festgehalten, es gibt keine Begrenzung oder Verkürzung der Ruhezeit wie sie auf christlichen Friedhöfen üblich und ganz besonders in Metropolregionen zunehmend notwendig erscheint.

Die Ruhestätten sind für die Ewigkeit ausgelegt und trotzen selbst Hurrikanen der Kategorie 5 (die Fotos entstanden kurze Zeit nach Hurrikan Irma). Auch wenn einige Zierobjekte wie die Eingangspforten aus den Angeln gehoben wurden, den Ruhestätten selbst konnte Hurrikan Irma nichts anhaben.

Das Neptune Memorial Reef ist eine Heimat für die Asche der Toten und zugleich eine Stätte stetig wachsender lebender Organismen und Meereslebewesen.

»Standard« Lage: symmetrische Säulenkonstruktion

3) Die Gedenkorte im Einzelnen

Sechshundert Tonnen Zementbauteile für Säulen- und Skulpturenkonstruktionen wurden vor der Inbetriebnahme des Neptune Memorial Reef gefertigt und anschließend auf dem Meeresboden verankert.

Das Neptune Memorial Reef bietet 15 verschiedene Ruhelagen für die Asche Verstorbener an, die in die drei Kategorien »Premium«, »Exklusiv« und »Standard« unterteilt sind.

»Standard« Lage: liegende Verbindungssäulen mit Messingplaketten

Die Asche der Verstorbenen kann auf vielfältige Weise mit dem Zement bestehender/neuer Bauwerke verbunden werden, beispielsweise als gegossene Muschel, Seestern, als Teil der Löwen-Statue oder aber in einer der verschiedenen Säulenkonstruktionen. Die Säulen sind im Inneren ausgehöhlt, um die Asche-Zementzylinder der Verstorbenen aufzunehmen.

Preislich liegt die Beisetzung eines Asche-Zementzylinders bzw. einer gegossenen Asche-Zement-Einzelform im Neptune Memorial Reef je nach Lage zwischen rund USD 1.500 und USD 7.000.

Die »Premium« Lage, die visuell vielleicht am stärksten aus der Gesamtkonstruktion herausragt: eine der beiden Löwenfiguren im Eingangsbereich

Zu den »Premium« Lagen zählen: die Löwenstatue, das Fundament der Löwenstatue,

die Säulenkapitelle am Eingangstor, diverse verzierte Kapitelle, die innere Säule der Mittelkonstruktion, der Baldachin über der Mittelkonstruktion.

»Exklusive« Lagen sind: alle Säulenkapitelle, die nicht in den Premium Lagen enthalten sind, die Säulen der Mittelkonstruktion, alle individuell aus einem Asche-Zementgemisch gegossenen Einzelgedenkstätten, wie die Seestern- oder Muschelformen.

Zu den »Standard« Lagen zählen unter anderem die Bänke (»Lebensraum für Fische«) und alle Säulen und Verbindungssäulen, die nicht in den beiden anderen Kategorien enthalten sind.

Die Einäscherungsquote liegt in den U.S.A. derzeit bei rund 30% bei einem erwarteten rapide steigenden Zuspruch auf 50% innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte.

Die Asche der Verstorbenen verbindet sich mit dem stetig wachsenden Ökosystem des Neptune Memorial Reef: Die Zementbauwerke bzw. die gegossenen Asche-Zementverbindungen der Individualgedenkstätten werden mit der Zeit überwuchert von natürlichem Korallenriff, das neues Leben anzieht und hervorbringt.