Das 2007 in einer Abstimmung gekürte Weltwunder: Die Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

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Chichén Itzá...
Eines der sieben Weltwunder der Neuzeit (= heute noch bestehenden Weltwunder; 2007 nach einer Abstimmung festgelegt)

Die Pyramide des Kukulcán: eine ideale Verbindung von Wissenschaft & Religion?

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Der Tempel des Kukulcán: die Pyramide der gefiederten Schlangengottheit
Die mit Abstand prominenteste und am aller häufigsten besuchte Pyramide in Chichén Itzá (und in der gesamten Maya-Region!) ist der Tempel des Kukulcán (= der gefiederten Schlangengottheit).

Die Pyramide wurde unter astronomischen Aspekten erbaut und zeigt aufgrund der besonderen Lichtverhältnisse an zwei Tagen im Jahr, das Schattenspiel des herauf- bzw. hinabgleitenden Schlangengotts Kukulcán (genauere Beschreibung des Phänomens im nächsten Abschnitt, »Das Beinhaus« – die bauähnliche Pyramide).

»El Castillo« verbindet auf kongeniale Weise zwei wichtige Lebenswelten der Maya: Wissenschaft und Religion.

Eine Reihe baulicher Details bezieht sich mit verblüffender Genauigkeit auf den Maya-Kalender:

1.) Jeder Treppenaufgang besteht aus 91 Treppen, so dass alle vier Aufgänge auf insgesamt 364 Stufen kommen. Zählt man die obere Plattform als eine weitere Stufe hinzu, die alle anderen Stufen verbindet, kommt man auf 365 Einzelstufen, was der Anzahl der Tage in einem Maya-Jahr entspricht.

2.) Jede der vier Seiten der Pyramide besteht aus 52 rechteckigen Wandplatten, was der Anzahl der Sonnenjahre im Maya-Kalender entspricht. Die Maya hatten zwei Kalender, einen Sonnenkalender und einen rituellen Kalender (260 Tagen pro Jahr). Alle 52 Jahre fiel der erste Tag beider Kalender zusammen. An diesem Tag wurde traditionell mit der Errichtung eines neuen Bauwerks begonnen bzw. mit der Renovierung eines bestehenden.

Im Inneren befindet sich u.a. ein Jaguar-Thron (Vgl. Uxmal). Die Jaguarfigur besteht aus einem Material ohne Einschlüsse und Bruchstellen: es wird bis heute gerätselt, auf welche Weise die in die Vertiefung der Augenhöhlen eingelassenen Jadesteine, die rundum vom Stein der Figur gehalten werden und größer sind als die Augenöffnung selbst, in die Figur eingefügt werden konnten (der umschließende Stein weist keinerlei Bruchstellen, Risse oder Einschlüsse auf).

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Die bauähnliche Pyramide in kleinerem Maßstab: das Beinhaus

Maya-Ruinenstadt Uxmal, Yukatan, Mexiko

Das Ossarium (auch »Hohenpriestergrab«)

Hier, in der Altstadt von Chichén Itzá, erforschte der amerikanische Archäologe Edward H. Thompson im ausgehenden 19. Jahrhundert die Innenräume der Pyramide:

Neben einem Opfertisch, der Inschriften aus dem Jahr 998 n. Chr. enthält, entdeckte er auch den Aufgang zur Pyramidenspitze, wo er eine Serie von in einander geschachtelten Grabstätten freilegen konnte (6 insgesamt), die sowohl menschliche Skelette als auch Urnenbegräbnisse enthalten.

Unterhalb einer weiteren Begräbnisstätte im »Erdgeschoss« der Pyramide, entdeckte er darüber hinaus einen Treppengang zu einer unterirdischen Höhle, der zu noch weitaus mehr sterblichen Überresten und Grabbeigaben führte.

Zu E. H. Thompsons Zeiten handelte es sich um kaum mehr als einen kreisförmigen Trümmerhaufen, der erst in der Neuzeit durch das INAH (Nationales Institut für Anthropologie und Geschichte) zu einer Pyramide restauriert wurde.

Das mächtige und in Chichén Itzá allgegenwärtige Symbol der Schlange: die gefiederte Schlangengottheit Kukulcán

Die baulichen Parallelen zur zentralen Pyramide des Kukulcán schließen auch das Phänomen der herabsteigenden bzw. heraufsteigenden Schlange ein:

zweimal im Jahr, jeweils zur Tagundnachtgleiche (um den 20. März bzw. den 23. September) bilden sich durch den Einfall des Sonnenlichts an diesen Tagen, Schatten, die sich mit den steinernen Schlangenköpfen am Saum der Treppen vereinen und so den Eindruck entstehen lassen, dass eine Schlange über die Treppen hinauf- bzw. hinabgleitet.

Den Schatten der herabsteigenden Schlange deuten einige Forscher als den symbolischen Abstieg Kukulcáns. Es ist unklar, ob es einen Zusammenhang zu landwirtschaftlichen Ritualen geben könnte.

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Opferstätten (?)

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Die kleine Venusplattform (gegenüber des Beinhauses)

Die westlichste Plattform der Gruppe um das Beinhaus ist eine sog. Venus-Plattform. Zu Chichén Itzás Blütezeit im 6.-11. Jhdt. war sie in den kontrastreichen Farben rot, grün, ocker, blau und schwarz angestrichen.

Hier wurden religiöse Zeremonien, Kulte und Tänze zu Ehren der gefiederten Schlangengottheit Kukulcán zelebriert. In der Maya-Kultur wurde die Gottheit Kukulcán mit dem Planeten Venus assoziiert, der auf diese Weise zur Namensgeberin der Plattform wurde. Kukulcán wacht über jeden der vier Treppenaufgänge. Am östlichen Treppenaufgang wurde darüber hinaus eine Opfergabe gefunden: der Schädel eines enthaupteten Mannes…

Eine Opferstätte für 100.000 Kriegsgefangene?

»II Tzompantli« ist der Sammelbegriff für aufgereihte menschliche Schädel (in Holzvorrichtungen »geordnet« oder einfach übereinander gestapelt).

Eine solche »Schädelstätte« befindet sich lediglich in Chichén Itzá, die als einzige der drei vorgestellten Stätten in hohem Maße von der toltekischen Kultur beeinflusst wurde (Blütezeit im 10.-12. Jahrhundert; allgemein wurde den Tolteken außergewöhnliche handwerkliche/künstlerische Fähigkeiten nachgesagt).

Der Inhalt der Plattform wird auf rund 100.000 Schädel geschätzt (durch die Stapeltradition einfach zu zählen).

Viele Quellen gehen davon aus, dass die »Mauer der Totenköpfe« die aggressive und kriegerische Mentalität der Einwohner Chichén Itzás widerspiegelt: Die Mauerwände sind mit den Reliefen hunderter Totenköpfe »geschmückt«, die lediglich ab und an durch Darstellungen von Adlern, gefiederten Schlangen und Maya-Kriegern unterbrochen werden.

Funktion: Mit dieser Plattform wurde der Opfer vergangener Zeiten gedacht, wie geopferten Kriegsgefangenen und Kriegsgegnern, die in siegreichen Schlachten ums Leben gekommen waren. Die öffentliche Aufreihung und zur Schaustellung von Schädeln war auf der Yucatán-Halbinsel bis zur Eroberung durch Spanien im 16. Jahrhundert üblich.

Im alltäglichen Zusammenleben erfüllte die Plattform den Zweck, die Massen zu kontrollieren und potentielle Feinde abzuschrecken.

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

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Grausame Rituale? Opfergaben für die Götter?

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Die Kirche

Die »Kirche« ist eines der ältesten Gebäude in Chichén Itzá und kam vermutlich durch die Spanier zu ihrem Namen (aufgrund ihrer Nähe zum Klosterkomplex, wobei das Kloster ebenfalls durch die Spanier seine Zuschreibung erhielt…).

Es handelt sich um ein 1-Raum-Gebäude mit einem einzigen Zugang von Osten. Die im Bild sichtbare Ostfassade der »Iglesia« weist ein reich verziertes Fries auf, das von drei großen Chaac-Masken (Regengott) sowie von vier mythischen Gestalten (Gürteltier, Schnecke, Schildkröte, Krebs), die in der Maya-Mythologie gemeinsam den Himmel tragen, dominiert wird.

Dennoch, die eigentliche Funktion des Gebäudes ist unklar…

Weitere Einrichtungen, die charakteristisch für das soziale Leben in der über Jahrhunderte (Blütezeit: 6.-11. Jhdt.) erfolgreichen Maya-Megacity Chichén Itzá waren

Der Marktplatz

Wie auch die »Kirche« hat der »Markt« seine Zuschreibung von den Spaniern erhalten. Auch hier ist die eigentliche Funktion aus wissenschaftlicher Sicht nicht geklärt…

Es handelt sich um ein flächenmäßig immenses Bauwerk mit Säulengängen und einem großzügigen Innenhof, der drei Feuerstellen sowie Schleifsteine beheimatet, die aus Forschungssicht normalerweise auf häusliche Aktivitäten hindeuten.

Da dem Gebäude aber jedwede Form von Privatsphäre fehlt, geht die Forschung davon aus, dass es sich eher um ein Bürgerhaus oder einen Ort für öffentliche Zeremonien handelt.

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

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Das Observatorium (»El Caracol«)

Der Name »El Caracol« (»das Schneckenhaus«) bezieht sich auf die Wendeltreppe im Inneren, die in den oberen Aufbau des Gebäudes führt.

Das Turmgewölbe ist mehr als 14 Meter hoch und gibt einen ungehinderten Blick frei auf die Umgebung und Himmelsbeobachtung, einschließlich der Beobachtung von Tagundnachtgleichen und Sommersonnenwenden.

Das Turmgewölbe war zudem ideal ausgerichtet, um den hellen Planeten der Venus zu beobachten. Die Maya verehrten die Venus als Zwillingsschwester der Sonne, aber auch als Kriegsgott. Anhand ihrer Position wurden beispielsweise der richtige Zeitpunkt für Raubzüge und Schlachten bestimmt.

»El Caracol« wurde als Sternwarte genutzt.

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

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Der Kriegertempel und der prunkvolle Vorplatz (»Die Gruppe der tausend Säulen«)

Der Kriegertempel ist einer der visuell beeindruckendsten, zentralen Tempelanlagen in Chichén Itzá, in unmittelbarer Nähe des Castillo/der Pyramide des Kukulcán.

Er gilt als die einzige bekannte spätklassische Tempelanlage, die möglicherweise groß genug war, um wirklich große Versammlungen abzuhalten.

Auf der Süd- und Westseite wird die Anlage von rund 200 Säulen gesäumt.

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

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Impressionen: das weitläufige und verwinkelte Areal der tausend Säulen

Maya-Ruinenstadt Chichén Itzá, Yukatan, Mexiko

Der Platz der tausend Säulen (»Grupo de las Mil Columnas«)

Alle Säulen waren ursprünglich überdacht und haben auf diese Weise eine riesige, in vier Hauptachsen (süd-, nord-, west-, ost-) unterteilte Wandelhalle geformt. Über das Material der Überdachung ist heute nichts mehr bekannt (Mörtel, Holz, Stroh…; einige Quellen gehen davon aus, dass das Deckengewölbe eingestürzt ist, weil die tragenden Holzbalken verschmort sind).

Heute geht man davon aus, dass die Säulen der großzügig angelegten Kolonnaden auch symbolisch in gleichem Abstand zu einander stehen: die riesigen Versammlungshallen waren für Menschen gleichen Ranges gedacht, vermutlich Krieger.

Die Dekoration der Säulen deutet auf ein Zusammenfließen zweier Lebensaspekte hin, die den Alltag der Maya dominiert haben: Religion (Chaac-Masken) und militärische Macht (Abbildungen von Kriegern auf den Säulen).