Totenrituale und Erinnerungskulturen

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Die Beisetzung ist der Schwerpunkt des Totenrituals

Durch die jeweilige Bestattungsform erhält das Totenritual seinen spezifischen Charakter:

die Bestattung beeinflusst das Trauerritual, das Totengedenken und die Orte der Erinnerung.

Die Trauerfeier, das Entlassen einer Person aus der menschlichen Gemeinschaft, ist der rituelle Abschied, der ein wichtiger Bestandteil nahezu aller Begräbnisse ist.

Was macht ein Bestattungsritual aus?

Totenrituale vollziehen sich in wiederholten, nachahmbaren Handlungen: in ihrer Äußerlichkeit sind sie jedoch keinesfalls starr, sondern unterliegen einem beständigen Anpassungsprozess an die Bedürfnisse der Trauernden.

Ein Bestattungsritual wird durch Zeichen gerahmt, wie Glockenleuten, Beileidsbekundungen, Kleidungswechsel und setzt sich durch seinen Ablauf klar von Alltagshandlungen ab.

Die Aufgabe des Totenrituals ist, den Wechsel in einen neuen Status zu vollziehen: der Tote wird verabschiedet und die Übriggebliebenen werden wieder in die Gesellschaft eingegliedert (sprachlich wird dies z.B. durch die Bezeichnung ›Witwe/r‹ ausgedrückt).

Das Totenritual hat die Teilnehmer überhöhende Zwecke: es stabilisiert, solidarisiert die Trauergemeinde und dient der Krisenbewältigung. Durch das Trauerritual können Emotionen einerseits ausgedrückt werden, anderseits werden sie durch die zeitliche Begrenzung und festgelegte Form des Rituals unter Kontrolle gehalten.

Bestattungskultur im Wandel der Zeit

Totenrituale verändern sich mit den Bedürfnissen und Einstellungen der Menschen. Solche Modifizierungen können sich auf einzelne Elemente des Totenrituals beziehen oder aber auf den gesamten Ablauf.

Das Aufbrechen ritueller Formen, sowie Anonymität einerseits und individualisiertes Abschiednehmen andererseits sind charakteristische Gegensätze der gegenwärtigen Totenrituale und Trauerkultur.

Beispiele aus der Praxis

  • Anstelle von Musikstücken mit Wiedererkennungseffekt wird Musik ausgewählt, die der Verstorbene oder die übrig gebliebenen Freunde bevorzugt haben
  • Aufbrechen der Kleiderordnung: anstelle schwarzer Kleidung trägt man bewusst bunt, um der Zeremonie den bedrückenden Charakter zu nehmen (wird vor allem bei Naturbestattungen als angemessen akzeptiert)

Zeitgeistunabhängige Konstanten in Totenritualen: bestimmte rituelle Elemente werden in keiner Bestattung aufgegeben, sie werden nur modifiziert

Der Drang, Tote auf jeden Fall »auf die richtige Weise« in das Jenseits geleiten zu wollen ist allzu menschlich und scheint sich nicht zu ändern.

Das Verabschieden eines Menschen vollzieht sich eigentlich immer in feierlichen Formen.

Bei nichtreligiösen Bestattungs­zeremonien kommt den Angehörigen dabei lediglich mehr Gestaltungsfreiheit zu.

In den meisten Fällen geben Angehörige ihren Verwandten das Geleit auf deren letzter Reise, und zwar unabhängig davon, ob die verstorbene Person verbrannt, begraben, in den Weltraum geschickt oder im Meer beigesetzt wird.

Bei einer Erdbestattung scheint die Begleitung des Verstorbenen zu seinem Grab, zumeist in einer Prozession von der Aussegnungshalle zur Grablage, solch ein unverzichtbarer Bestandteil zu sein.

Ein weiteres wichtiges kulturelles Element eines Totenrituals scheint die Übergabe des Verstorbenen an eines der Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft zu sein. Diese Übergabemomente sind auch die emotionalen Höhepunkte einer jeden Abschiedsfeier.

Bei einer Erdbestattung ist das der Augenblick, in dem der Sarg der Erde übergeben wird:
Der Tote wird in diesem Moment endgültig aus der Mitte der Lebenden entfernt.

Ein weiterer elementarer Bestandteil des Totenrituals ist das gemeinsame Totenmahl, historisch belegt bis in die vorchristliche Zeit (auch Leichenschmaus, Kaffeetrinken), das die Gemeinschaft stärkt. Beim gemeinsamen Essen,Trinken und Gesprächen kehren die Überlebenden in die menschliche Gesellschaft zurück und feiern, dass sie bisher dem Tod entronnen sind.

Bestimmte Symbole wie Blumen und Kerzen kommen ebenso immer wieder zur Anwendung.

Trauerritual und Trauerbewältigung

Ein Totenritual hat einen eindeutigen Anfangs- und Endpunkt und ist im Ablauf für alle Anwesenden durchschaubar; dadurch stabilisiert es die Trauergemeinde, erlöst von der Sprachlosigkeit und »dient der Minderung von Unsicherheit«.

Faustregel: »Je weniger ein Individuum eine Rolle als aktiv Handelnder im Leben anderer spielt, desto weniger Menschen sind von seinem Tod betroffen; desto geringer fällt auch der Aufwand aus, mit dem die Überlebenden die verstorbene Person aus der Gesellschaft ausgliedern müssen«. Neben Tröstung, Aus- und Wiedereingliederung der Trauernden steht ein Totenritual auch für die Garantie der Weiterexistenz des Toten.