Kreative & zeitgemäße Ideen im 21. Jahrhundert

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Trauerfloristik

Trauerfloristik

Nachdenken über den Tod, um das Leben zu ordnen…

»Aber ein ungeprüftes Leben ist für einen Menschen nicht lebenswert« Sokrates Über ein modernes Ritual, das die Dinge des Lebens unter der Perspektive der Endlichkeit wieder an ihren Platz rückt, und in Kreide meißelt, was uns über die eigene Sterblichkeit hinaus verbindet…

»Bevor ich sterbe, möchte ich …« (original: »Before I die, I want to …«) ist ein Mitmach-Kunstprojekt, das in mehr als 70 Ländern und über 30 Sprachen dazu einlädt, über die (eigene) Sterblichkeit nachzudenken und persönliche Herzensangelegenheiten und Sehnsüchte im öffentlichen Raum miteinander zu teilen.

Mit dem enttäuschend simplen Halbsatz »Bevor ich sterbe, möchte ich …« forderte die US-amerikanische Städteplanerin und Künstlerin Candy Chang ab 2011 zur anonymen Offenlegung der privaten Wünsche und Hoffnungen auf – getreu ihrem Arbeitsmotto »Der öffentliche Raum ist genau so tiefgründig und differenziert wie wir es zulassen«.

»Bevor ich sterbe, möchte ich so geliebt werden, wie ich selber Menschen liebe« Erlangen, 2014
»Bevor ich sterbe, möchte ich herausfinden, was Zufriedenheit bedeutet« Bad Aibling, 2013
»Bevor ich sterbe, möchte ich einen Frosch küssen« Erfurt, 2012

Wie alles begann, wie es weiter ging & Ergebnisse aus 7 Jahren Dokumentation

»Joan starb an einem stillen Augusttag. Sie war fünfzehn Jahre lang wie eine Mutter für mich«

Die Geschichte hinter der Idee zu den beschreibbaren Tafelwänden:

Alles begann mit Candy Changs persönlicher Erfahrung mit dem Verlust eines geliebten Menschen: Ihre Erfahrung im Umgang mit der Trauer, dem »Biest, das niemals gezähmt werden kann« und die Bedeutung, die sie dem Tod in ihrem persönlichen Leben beimaß: »Der Tod war immer in meinem Bewusstsein (…) Er erinnerte mich an die Menschen, die ich richtig lieben wollte, der Mensch, der ich werden wollte und die Dinge, die ich tun wollte«.

Teil ihrer persönlichen Erfahrung war allerdings auch, dass es im Alltag oft schwierig ist, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Chang fragte sich, ob es anderen wohl auch so ginge und stellte die Frage in öffentlichem Raum:

In ihrer Heimatstadt New Orleans erstellt sie Anfang 2011 mit der Hilfe alter und neuer Freunde die erste selbstgebastelte Tafelwand, die mit Tafelkreide beschreibbar ist – und später in rund 70 weiteren Ländern als Vorlage dienen wird.

Unter Einbeziehung von Nachbarn, lokaler Organisationen und der Gemeinde, die dem Projekt »Angemessenheit« attestiert, wird die beschreibbare Tafel schließlich an der Wand eines unbewohnten Hauses befestigt, das in Changs Nachbarschaft seit geraumer Zeit dafür bekannt war »Staub und Graffiti anzuziehen«.

Würden die Passanten verstehen, dass die dazu eingeladen waren, die Hauswände zu beschreiben?

Zu Changs Überraschung, waren bereits am nächsten Tag alle 80 Zeilen ausgefüllt. Die Antworten füllten das gesamte Spektrum von nachdenklich, poetisch, witzig bis herzzerreißend.

Während der nächsten Monate wurden die Einträge abfotografiert, dokumentiert und auf sozialen Medien geteilt… Die Tafelwand wurde gewartet und mit neuer Tafelkreide versorgt – bis sie mit dem besten aller Gründe für das Wohnviertel endete: nach langem Leerstand hatten sich Interessenten gefunden, die das Haus bewohnen wollten.

Was passiert nach Fertigstellung der Tafelwand? Welche Auswirkungen hat die »Bevor ich sterbe, möchte ich …«-Leerstelle auf den einzelnen bzw. das soziale Umfeld?

»Weil ich meinen innersten Wunsch nun öffentlich erklärt hatte, fühlte ich mich verpflichtet, ihn auch umzusetzen« Vancouver, Kanada

Wegen regnerischem Wetter, hatten wir die Kreide entfernt. Jemand brachte seine eigene Kreide mit und schrieb an die Tafel: »Redefreiheit ist eine Form von Demokratie. Nimm’ dir jeden Tag die nötige Zeit, um Demokratie zu praktizieren« Peking, China

Die Kirche, die das Projekt initiiert hatte, bekam plötzlich mehr Zulauf und die Geschäfte, die sich in unmittelbarer Nähe zur Tafelwand befanden, erhielten mehr Aufmerksamkeit. Chung-Li, Taiwan

Die Ergebnisse: sieben Jahre Dokumentation (2011-2018) & Analyse von rund 200 Tafelwänden

…machen deutlich, dass jeder andere Begrenzungen und Möglichkeiten in seinem Leben sieht

Die Antworten unter Berücksichtigung aller 6 Kontinente, der am häufigsten genannten Lebensbereiche (top 5 weltweit: Gesundheit/Wohlergehen, Liebe, Reise, der Wunsch anderen zu helfen, Familie; erst danach kommen im einstelligen Bereich: Arbeit, Religion, Reichtum), Reflexionsgrade (von tiefsinnig bis humoriger Nonsens) und Abstraktionsgrade (von unerreichbar/ abstrakt, wie »Weltfrieden« bis »einfach zu realisieren«/»warum wurde es eigentlich bisher nicht umgesetzt«, wie »Picknick bei Mondlicht«)

»Bevor ich sterbe, möchte ich …«
»dem Tod mutig ins Auge blicken« Shanghai, China
»meine(n) Seelenverwandte(n) treffen« Adelaide, Australia
»per Linienflug zum Mond reisen« Washington DC, USA
»mich in der Bildungsarbeit für Mädchen engagieren« Chennai, Indien
»in einem Pool voller Golden Retriever Welpen schwimmen«

Ort unbekannt

Weitere Beispiele & Praktische Informationen

Über die Motivation: Was treibt den einzelnen an, eine »Bevor ich sterbe, möchte ich …«-Tafelwand zu starten?

»Nachdem mein Vater starb, konnte ich nicht unverzüglich in meine Heimat (Spanien) zurückkehren (…), die Tafelwand wurde ein wichtiger Bestandteil meiner Trauerarbeit.« Auckland, Neuseeland

»Die Tafelwand ist eine wunderbare Methode, um Menschen zum Nachdenken über die psychologischen und philosophischen Zusammenhänge unseres Zögerns anzuregen, …wenn es um das Zögern bzw. Aufschieben geht von wichtigen Fragen in den Bereichen »Leben«, »Lebensstil«, »Tod« und

»Prioritäten-Setzung«.« Psychologie-Professorin, Valdez, Alaska

Ein Beispiel aus dem Netz für eine digitale »Bevor ich sterbe, möchte ich …«-Tafelwand

Ein Zusammenschluss von mehreren Versicherern »Gegen Alkohol am Steuer«, der sich vor allem an die 20plus Generation richtet, betreibt in Frankreich die Online-Plattform http:// www.avantdemourir.com, auf der man seine Herzenswünsche digital eintragen kann.

Selbst inspiriert? Materialbeschaffung, Planung/Genehmigung und Projektkosten sind unkomplizierter und erschwinglicher Sie vielleicht vermuten…

Eine Gesamtanleitung für die Herstellung von Wand, Schrift- Schablone und Ideen zur Dokumentation auf Social Media Plattformen kann gegen eine kleine Spende unter https:// beforeidieproject.com/participate bezogen werden.

Interessantes Detail: Eine Auflage, um als »Bevor ich sterbe …«-Tafelwand zu gelten: die Wand muss den genauen Wortlaut »sterbe« enthalten. »Solange ich lebe, möchte ich …« wäre in diesem Zusammenhang also nicht akzeptabel, da eine der erklärten Hauptziele des Projekts ist, der Stigmatisierung, dem Aberglauben und der Verdrängung des Todes aus der Alltagssprache/aus dem Leben, entgegenzutreten.

Eine Anmerkung zu Dublin, wo die Fotos entstanden sind: Eine der Wände in Dublin entstand als Teil eines »Lebensende-Planungsprojekts«, das sich an die 50plus Generation richtete:

Geleitet wurde die Initiative von Fachleuten aus sich ergänzenden Lebensbereichen: einer Bestattungsplanerin, einem Finanzberater und einem Anwalt. Um das eher düstere Projektthema in Schwung zu bekommen, wurden die Teilnehmer gebeten, ihre Hoffnungen und Träume auf der Projektwand mit Tafelkreide festzuhalten: »malen lernen«, »zum 10. Mal heiraten«, »mein Studium abschließen« (78-jährige Nonne)…