Trauermusik

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Was macht Musik zur Trauermusik?

In der Trauermusik lassen sich zwei Hauptauswahlkriterien von einander abgrenzen: die anlassgebundene Musik einerseits, die Tod und Trauer selbst zum Thema hat (originäre Trauermusik) und die anlassungebundene Trauermusik anderseits, also jede Art von Musik, die dem Trauerritual individuell anverwandelt werden kann.

Hierbei handelt es sich um persönlich ausgewählte Musik, die über das bloße Zitieren der Tradition hinausgeht. Trauermusik, die erst durch die Auswahl der Angehörigen dem Anlass würdig wird.

Leitfragen für die Auswahl von individueller Trauermusik können z. B. sein: Welche Musik

bevorzugte der Verstorbene? Welche Beziehung hatte der Verstorbene zur Musik, hat er selbst musiziert? Welche Musik mögen die Angehörigen?

Hörbeispiele für Klassiker der Trauermusik

Beliebte Klassiker, häufig gewünscht, zum Teil berühmt durch Staatsbegräbnisse und öffentliche Anlässe wie den 11. September 2001

Zeit und Raum für die ausgewählte Musik

Mögliche und übliche Zeitpunkte (gemäß Liturgie), Musik in die Bestattungsfeier einzubinden sind:

leise Musik vor der Bestattungsfeier (die Gäste nehmen Platz)
Musik zur Eröffnung der Bestattungsfeier
Musik zur Traueransprache
Musik zum Ende der Bestattungsfeier
zudem möglich: am Grab, beim Absenken des Sarges in die Erde

Das zeitliche Verhältnis von Trauermusik zur Trauerrede: üblich ist hier ein Verhältnis von 1:1, das heißt ca. 15 Min. Redezeit werden von ca. 15 Min. Musik begleitet. Das entspricht ca. drei Musikstücken vom Tonträger (CD/iPod) bzw. Live-Musik (Solist/Kammermusik/Band) oder gemeinsamem Singen in der Gemeinde.

Zeitliche bzw. liturgische Begrenzungen der Trauermusik, die im Ablaufplan einer Trauerfeier ggf. bedacht werden müssen:

Friedhofskapellen werden in den Großstädten oft im 40-Minuten-Rhythmus belegt
Das Abspielen von CD-Musik ist in nichtgeweihten Räumen wie städtischen Friedhofshallen generell unkomplizierter; an geweihten Orten, insbesondere in katholischen Kirchen, ist das bereits eine Frage von gehobener Sensibilität; in Synagogen ist das Abspielen von Musiktonträgern generell nicht erlaubt

Warum ist Musik fester Bestandteil fast aller Trauerfeiern?

Musik spricht die Emotionen der Angehörigen gezielt an und kann diese bei einer Trauerfeier auch kanalisieren und lenken. Der Begriff »Emotion« spiegelt in diesem Zusammenhang eine enorme Vielfalt von sich durchaus auch widersprechenden Gefühlen wider, wie Schmerz, Ohnmacht, Traurigkeit, Verzweiflung, Enttäuschung, Wut, aber auch Erleichterung, Dankbarkeit oder ein besonderes Empfinden von Liebe.

Musik kann sehr zu Herzen gehen und so bei manchen Trauernden, Befangenheit erst lösen und die Trauer zulassen. Vielleicht möchte man diese Wirkung gerade, oder aber man möchte diese Wirkung eher vermeiden, beispielsweise um einen strengen Ablaufplan nicht zu gefährden. Gefühle können durch die Musikwahl auch in eine ungewollte Richtung gelenkt werden, so dass die Feier im Extremfall geradezu »verunglückt«. Anderseits liegt in der Lenksamkeit und Modifizierbarkeit von Gefühlen durch die Musik ihr enormes Potential, das durch Worte nicht ohne weiteres auch erreicht werden kann.

Hörbeispiele für anlassungebundene Trauermusik

Trauermusik, die ihren Sitz im Leben hat

Wenn gesagt wird, dass Musik Trauer ausdrückt, dann muss dieser Ausdruck auch bei den Gästen offen gelebt werden dürfen (was in heutiger Zeit nicht selbstverständlich ist, da zugunsten eines reibungslosen Ablaufs gelegentlich ein Vorbehalt gegen offen gelebte Emotionalität existiert).

Lebensmusik ist ein »Zur-Sprache-Kommen« unaussprechlicher Gefühle und Gedanken, die durch den Tod eines nahestehenden Menschen haltlos im Raum zu stehen scheinen. Musik zur Trauer kann unter Umständen den gesuchten Halt anbieten. Sie kann das Geschehene für diejenigen, die Abschied nehmen, in einen Übergang verwandeln.

Musik erzeugt in ihrem Er- und Verklingen, in ihrem Vergegenwärtigen und Erinnern eine eigene Zeit, die über sich hinausweist und ist in ihrem Verklingen dem Sterben verwandt. Aber sie kann auch über ihr Verklingen hinaus nachklingen und somit in das Leben zurückweisen.

So verstandene Trauermusik ermöglicht den Übriggebliebenen angesichts des Sterbens, Todes und Abschiednehmens ein »Im-Gespräch-bleiben« mit dem Leben: das Leben klingt weiter, und zwar über den Tod hinaus.

Hörbeispiele für anlassungebundene Trauermusik

Folk, Rock, Blues/Soul: auflockernd, versöhnend, die Tatsachen anerkennend, Musik zum Ende der Bestattungsfeier:

Für Trauerfeiern junger Menschen/Teenager zur Traueransprache:

Bekanntes Hörbeispiel aus der Praxis für anlassungebundene Musik zur Traueransprache

Frank Sinatra: »MY WAY«

Anlassungebundene Musik wird durch erst ihre erklärende Bindung an das jeweilige Leben (etwa durch die Trauerrede) zu einer Trauermusik. Anlassungebundene Musik bedarf unter Umständen der expliziten Erklärung und Verortung im Leben des Verstorbenen durch den Leiter/Redner der Trauerfeier.

Der Liedtext von Sinatras »My Way« liest sich wie eine rückblickende Biographie, in der versucht wird, eine eigene Identität zu formulieren. Das lyrische Ich blickt am Ende seines Lebens zurück und zieht Bilanz. Es wird ein erfülltes Leben besungen, die Fehler der Vergangenheit und die schlechten Zeiten erscheinen zunehmend geschönt und idealisiert (»…ich habe gewonnen und habe verloren…«). Die Selbstvergewisserung, trotz mancher Fehler und Rückschläge ein gutes Leben geführt zu haben, zeigt sich im Refrain »I did it my way«/»Ich ging meinen Weg«. Die Verklärung seines ausgekosteten Lebens lässt den Betrachter mit einer gewissen Gelassenheit den Tod erwarten.

Dieser anschauliche Lebensrückblick kann als Anlass genommen werden, das Leben des Verstorbenen auf vergleichbare Weise plastisch und individuell zu schildern; eine allgemeine Verklärung der Höhen und Tiefen im Leben des Verstorbenen verbietet sich hingegen streng.

Sinatras »My Way« hat nur dann einen Sinn, wenn es dem Trauerredner gelingt, das lyrische »My Way« in ein für die Trauergäste nachvollziehbares »His Way«/»Her Way« umzuwandeln.